Denn die Schule bereitet uns optimal aufs Leben vor.
Die Schulbücher sind optimal. Zwar lernt man aus ihnen nichts, aber wieso sollte man überhaupt aus Büchern etwas lernen? Zum Lernen gibt es schließlich den Unterricht. Wichtig ist es ja auch nicht, den Stoff zu lernen, wichtig ist es, ihn zu wissen.
Die Lehrer sind optimal. Wieso sollten die Lehrer, wie manchmal gefordert
wird, Psychologen sein, um den Schülern etwas besser vermitteln zu
können? Der Unterricht muß ja nicht interessant und effektiv sein.
Die Lehrer bekommen ihr Geld ja für den Unterricht selbst, und nicht
abhängig von der Effektivität. Das wäre dann doch nur mehr
Arbeit.
Der Lehrer ist sowieso schon völlig überlastet, denn was sind
schon 15 Wochen Ferien im Jahr, wenn jeder dahergelaufene Arbeiter auch schon 6
Wochen bekommt.
Die Bewertung ist optimal. Die volle Punktzahl, sprich 15 Punkte, vergeben die Lehrer nur äußerst selten, denn das wäre das Optimum. Da es aber immer noch etwas Besseres geben kann, kann es kein Optimum geben. Der Lehrer benotet natürlich immer das, was er versteht, denn was er nicht versteht, wie komplexe Vorgänge, kann ja nur unwichtig und völlig nebensächlich sein. Da ist es doch eindeutig besser, beispielsweise in einer Facharbeit, nur die Form zu benoten, anstatt den Inhalt.
Der gelehrte Stoff ist optimal. Denn das Wissen hat immer einen starken
Praxisbezug. Literarische Erörterungen benötigt man beispielsweise
fast jeden Tag im späteren Leben. Zwar lernt man nicht, praktisch oder
selbständig zu arbeiten, komplexe bzw. konkrete Probleme zu lösen, mit
dem Computer umzugehen oder Bewerbungen zu schreiben, aber das benötigt man
im Beruf nur ziemlich selten. Wenn doch, dann weiß man nach 100
fehlgeschlagenen Bewerbungen auch ziemlich gut, wie soetwas zu schreiben ist.
Nach dem Abi weiß man sowieso alles, was man braucht, und kann sofort
auf die Berufswelt losgelassen werden. Diese freut sich dann auch, daß sie
so viele hochgebildete Leute bekommt. Zugegeben, dieses Wissen nützt in der
Industrie ziemlich wenig, aber was macht das schon.
Die Lehrmethoden sind optimal. Es ist doch gut, wenn die Lehrmethoden
konstant sind, und sich 50 Jahre lang nicht geändert haben. Das entlastet
den Schüler, denn er muß sich nicht mühsam an die neuen Medien
wie Computer oder Internet gewöhnen. Denn mit Computern kommt er noch
früh genug in Kontakt, spätestens nämlich bei seiner ersten
Arbeitsstelle. Zwar wäre der Computer und die Informationen des Internet im
Unterricht nützlich, und es gibt in Schwabmünchen auch schon einen
Verein, der sich bemüht, die Schule von der Wichtigkeit eines
Internetanschlusses zu überzeugen, aber dann wäre ja die Konstanz der
Lehrmethoden gefährdet, und die armen Lehrer müßten alle
anfangen sich mit etwas gänzlich neuem herumzuplagen. Dieses neue
"Ding", das sich Computer nennt, könnte zudem sogar teilweise den
Lehrer ersetzen. Nur der Gedanke daran ist für die Lehrer schon grauenhaft.
Er könnte dann eventuell begreifen daß er ersetzbar ist, was aber
eigentlich gar nicht sein kann.
Es ist doch besser, alles manuell zu erledigen. Zwar wird vieles in der
Industrie oft automatisch abgewickelt, aber die Schule muß sich
schließlich als hohe Bildungsanstalt von der Industrie abheben.
Die Lernart ist optimal. Man sollte wie in der Schule überall alles auswendig lernen. Es wird zwar manchmal behauptet, man solle das gelernte kapieren, aber das kann nur eine Floskel sein. Schließlich bekommt man ja bessere Noten, wenn man alles auswendig lernt, als wenn man es versteht. Der Lehrer muß sich ja bestätigt fühlen, also ist es am Besten, wenn man ihm genau das was er sagt wieder als Rückmeldung bringt. Dadurch fühlt sich der Lehrer anerkannt und gibt darauf freudig eine gute Note. Arbeitet der Schüler dagegen selbständig, kann der Lehrer ja meinen, er und seine Aussagen werden bezweifelt, was eine außerordentliche Frechheit darstellt, und natürlich keine gute Bewertung verdient. Zwar benötigt man selbständiges Arbeiten im späteren Leben, aber wenn man das in der Schule einführen würde, müßten die Lehrer mit großem Aufwand ihre Einstellung ändern, obwohl es ihnen nichts bringt.
Die Schule ist optimal. Wieso sollte man bei solch einer optimalen Schule über außerschulische "Bildungs"angebote informieren, geschweige denn die Schüler dazu auffordern, sich an diesen Veranstaltungen, Wettbewerben oder Sommercamps zu beteiligen, oder gar die Arbeit beispielsweise in diesen Wettbewerben im Abitur werten? Wer kennt schon die Deutsche SchülerAkademie, war jemals auf einem Jugend-Forscht-Wettbewerb oder auf einer Universitätsveranstaltung ? So ziemlich niemand. Also kann dies ja auch nur absolut unwichtig sein, und für den späteren Beruf absolut nichts einbringen.
Diese Rede ist optimal. Und wer dies nicht begreift, wird zu einem Jahr optimaler Schule verurteilt.
© 1997 by Roland Köbler
© by roland koebler, 2006-06-24